Konferenzausrüstung: Laptop, Namensschild mit Sicherheitsband (!) und Methodenkarten zum Netzwerken.

5. Juni 2014 von & gespeichert unter Konzeption.

Brääänd Expiriens. So klang das Schlagwort der Information Architect Konferenz 2014. An zwei bewölkten bis sonnigen Tagen im Mai beschäftigten sich UX-Designer aus der DACH-Region mit dem aktuellen Trendthema „Markenerlebnis“. Natürlich vorrangig aus Konzeptionssicht. Das sind meine Highlights vom größten deutschsprachigen Branchentreffen:

Clevere Organisation.

Die Veranstalter haben Vieles daran gesetzt, dass sich die Teilnehmer kennen lernen konnten: Gute Gesprächsanlässe boten das riesige Namensschild, das locker aus 100 Meter Entfernung lesbar war, sowie die Methodenkarten, die man wie beim Quartett miteinander tauschen konnte. Zum Essen waren wir auf die wenigen Stehtische angewiesen, an denen sich tolle Gesprächspartner fanden. Da waren die mit 25 Minuten eigentlich üppig angesetzten Kaffeepausen manchmal doch zu kurz.

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Danke für das Foto an Manja von den lautmalern.

Los geht’s.

Die Konferenz drehte sich um das Thema Brand Experience, doch bereits in der Auftakt-Keynote von Thomas Koch wird klar – die Brand Experience ist ziemlich im Eimer. Denn Unternehmen versäumen es, gute Produkte und gute Services anzubieten. Wer Mist produziert, muss sich gar nicht erst mit Content Marketing, Storytelling und all den anderen Buzzwords abmühen. Diese Begriffe seien ohnehin nur die Backmischung von vorgestern. Überhaupt verstünden die meisten darunter am liebsten Big Data, Bannerwerbung und personalisierte Werbung, die an Stalking grenzt.

Für Mister Media ist Marketing im Allgemeinen und Online-Marketing im Speziellen tot. Die Klickzahlen hätten mit 0,2 % ein Tief erreicht, das sich Print nie hätte erlauben dürfen. Um den Patienten zu reanimieren, bedarf es kreativer und ganzheitlicher Aktionen. Drei Beispiele zeigen, wie Marken wirklich zum Erlebnis werden:

  1. KONTOR Records rettet die Promo-CD vor dem Papierkorb mit dem Plattenspieler fürs Büro.
  2. Hornbach lässt einen ausgedienten Panzer zerlegen und fertigt daraus socialmedia-wirksam den limitierten Hornbach Hammer.
  3. Die Einführung des Samsung Galaxy S4 in der Schweiz wird statt eines alltäglichen Ereignisses zur Sensation.

Raus aus der Komfortzone.

Mit seinem Aufruf zum (politischen) Aktivismus verpasste Rainer Sax von humanistlab dem Publikum einen Tritt in den Allerwertesten. Konzepter, Informationsarchitekten, UX Designer dieser Welt vereinigt Euch!

Engagiert Euch für ein freies Internet, lernt und verbreitet Crypto [check!] verwendet OpenSource-Software und haltet Euch an die Prinzipien des Value Centered Design …

… dem wertebasierten Ansatz in der Konzeption. Nach dem Nutzer stehen nun also Werte im Zentrum. Warum nicht einfach Human Centered Design? Da steckt der Nutzer mit all seinen Werten gleich drin. Für Selbergucker und Aktivisten teilt Rainer seinen Vortrag auf Slideshare.

Aha-Erlebnisse.

Publikum bei der IAK14 erwartet den nächsten Vortrag.
Die Konferenz-Welt aus Sicht einer Sprecherin: Gergina von namics (danke für das Foto!).

Tolle Einblicke in die Praxis boten aus meiner Sicht drei Vorträge:

Lena Körpe und Jens Scholz von BB&K machten mit ihrem Team aus einer Usability-Katastrophe ein Prestige-Projekt. Für die Telekom entwickelten sie MyPortal, eine HR-Software basierend auf nicht weniger als 512 verschiedenen SAP-Services. Ihre Leistung bestand darin, diese unter einem Frontend und einem Login zu versammeln. (Vorher waren dazu 20 Programme nötig.) Für die 250.000 Mitarbeiter, die täglich damit arbeiten müssen, eine enorme Erleichterung. Der Telekom is MyPortal ein Platz in der Liste der 13 wichtigsten Produkte wert – als einziges internes! Den Case findet Ihr auf Slideshare.

Sehr unterhaltsam und stellenweise brüllend komisch war der Vortrag von Helge Fischer. Das lag zum einen an seinem lakonischen Präsentationsstil und zum anderem am Thema selbst: Er präsentierte dem vergnügten Publikum Design Fictions als Methode im UX-Design. Dabei geht es darum, prinzipiell mögliche, aber noch nicht realisierte Technologien in einem zukünftigen Setting in der Werbung einzusetzen. Das provoziere, errege Aufmerksamkeit. Plötzlich war vom Wunderkind-Joghurt die Rede, einem functional Food für werdende Mütter, der genau das bewirken soll, was der Name verspricht. Oder die Nanonase, eine Art Adapter zum Einführen in den Riechkanal. Diese könne Gerüche ersetzen oder Geruchloses riechbar machen

… so ne Art Augmented Smelling

(Brüller!). Heiß ersehnt dürften auch die Petits Fours Nano-Apps sein, die wahlweise mit Wecker-, Sauerstoff- oder Libidofunktion verzehrt werden könnten. Ein Teilnehmer merkte an, dass Google für seine Superhero-Brille einen Design Fiction Spot gedreht hätte – aus seiner Sicht ein Desaster, da Glass die Erwartungen tatsächlich nicht halten konnte. Für Helge Fischer ist das dann „halt blöd“.

In From Brand to Experience machten Gergina Hristova und Felix Widmaier von namics zwei Dinge deutlich: 1. Um in einem interdisziplinären Projekt dasselbe Ziel verwirklichen zu können, braucht es ein Mantra, das an jedem Arbeitsplatz hängt. 2. Mit dem Kontakt zu den Entscheidern kann aus der Anfrage für eine Facebook-Seite ein Projekt zum Relaunch einer ganzen Marke werden. Gezeigt haben die beiden das Re-Branding von smile.direct, eine Schweizer Autoversicherung. Zu finden auf Slideshare.

Ausgetretene Pfade verlassen. Rückbesinnung.

Silke Krailling von aperto sorgte mit ihrer fröhlichen Art und ihrer intellektuellen Wendigkeit für mein Vortragshighlight Nr. 1. Sie stellte Hybrid Thinking als Technik zur Lösung von komplexen Problemen vor. Diese treten in der digitalen Welt ja per se auf – die digitale Welt ist komplex. Um diese Probleme als Designer, Informationsarchitekt oder Programmierer lösen zu können, müssten wir uns zu umfassend informierten Universalgenies entwickeln. Hm, klar. Realistischer ist da schon die Rückbesinnung auf ein Geschenk der Evolution: Empathie. Alle haben es, alle können damit mehr oder weniger gut damit umgehen, warum nicht einsetzen? Denn …

Wicked Problems brauchen wicked minds.

Wer hätte gedacht, dass es noch mal von Vorteil sein könnte, die Übelkeit des verkaterten Kollegen mitempfinden zu können? Ich hatte vorher noch nie davon gehört und freue mich sehr über die Anregung. Mehr Empathie wagen!

Die Usability einen guten Mann sein lassen …

Die Closing Keynote machte Mut – „Mut zur Marke“: Annika Weis spricht aus (internationaler) Erfahrung, wenn sie feststellt, das bei aller Usability die Marke nicht zu kurz kommen darf. Denn sonst hätten wir zwar bedienbare Websites, Apps, Portale usw., aber die sehen dann leider alle gleich aus. Immerhin hätte sich kein Kunde 4$ teuren Kaffee gewünscht, den Starbucks weltweit sehr erfolgreich anbietet. Die Kunden oder Nutzer wissen erst was sie wollen, wenn sie es haben können.

Das letzte Wort.

Ich habe von der IA sehr viele tolle Eindrücke und Inspiration für die eigene Arbeit mitgenommen. Es war gut, die angestammte Konzepterbude mal zu verlassen und die eigene Motivation mit den Erfahrungen der anderen anzukurbeln. Fürs nächste Mal – bei dem ich definitiv wieder dabei sein werde – würde ich ähnlich wie Christian Becker vom namics-Blog mehr Raum für Leute aus anderen Disziplinen lassen.

Vielen Dank an alle Inspiratoren!




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